Versorgungssicherheit ·
Warum heizt ein neues Krankenhaus mit vier verschiedenen Wärmequellen?
Weil ein Krankenhaus nie kalt werden darf. Wer die Wärme auf mehrere Quellen verteilt, übersteht den Ausfall einer einzelnen Quelle. Der Neubau des Klinikums Memmingen zeigt, wie das aussieht: Grundwasser, Fernwärme, zurückgewonnene Wärme und Abwasser liefern gemeinsam die Heizleistung. Das reduziert den Einsatz von fossiler Energie. Vor allem aber macht es das Haus auch robust.
Anlass: Richtfest des Klinikums Memmingen am 14. Oktober 2026 [1].
Was in Memmingen entsteht
Am 14. Oktober 2026 haben das Klinikum Memmingen und das Bezirkskrankenhaus Memmingen Richtfest gefeiert. Die Rohbauarbeiten laufen seit Februar 2025. Fertigstellung und Umzug sind für 2029 geplant. Die Baukosten für das Klinikum werden derzeit auf rund 440 Millionen Euro geschätzt. Der Freistaat Bayern fördert das Vorhaben mit rund 352 Millionen Euro. Nach Angaben des Klinikums ist es das größte nicht-universitäre Krankenhausbauprojekt Bayerns [1].
Vier Quellen, eine Heizleistung
Auf seiner Projektseite nennt das Klinikum eine Wärmeleistung von insgesamt 4.400 Kilowatt [2]. Sie verteilt sich so:
- Grundwasser-Wärmepumpe: 1.550 Kilowatt (35 Prozent)
- Fernwärme: 1.550 Kilowatt (35 Prozent)
- Wärmerückgewinnung: 800 Kilowatt (18 Prozent)
- Schmutzwasser-Wärmepumpe: 500 Kilowatt (12 Prozent)
Dazu kommt eine Photovoltaikanlage mit rund 480.000 Kilowattstunden Strom im Jahr.
Kilowatt ist ein Maß für Leistung. Die Zahl sagt, wie viel Wärme in einem Moment ins Haus fließen kann. Eine Wärmepumpe holt Wärme aus einer Quelle mit niedriger Temperatur und hebt sie mit Strom auf Heiztemperatur. In Memmingen ist die erste Quelle das Grundwasser. Fernwärme kommt als heißes Wasser aus einem Heizwerk über Rohrleitungen ins Haus. Wärmerückgewinnung bedeutet: Wärme, die im Gebäude ohnehin anfällt, wird ein zweites Mal genutzt, statt nach draußen zu entweichen.
Die vierte Quelle ist die ungewöhnlichste. Das Abwasser einer Stadt ist auch im Winter lauwarm. In Memmingen wurden beim Umbau des Mischwasserkanals Wärmetauscher auf 260 Metern Länge eingebaut. Eine Wärmepumpe macht daraus Heizwärme. Das Klinikum bezeichnet diese Lösung als deutschlandweit einmalig. Der Bund hat sie über die Nationale Klimaschutzinitiative gefördert [2].
Was passiert, wenn eine Quelle ausfällt?
Hier liegt ein großer Nutzen. Fällt die größte Quelle aus, etwa weil die Grundwasser-Wärmepumpe gewartet werden muss, bleiben 2.850 Kilowatt. Das sind 65 Prozent der Leistung. Fällt das Fernwärmenetz aus, gilt dasselbe. Die 4.400 Kilowatt sind für sehr kalte Tage ausgelegt. An den meisten Tagen des Jahres braucht ein Gebäude deutlich weniger. Ein Teil der Quellen reicht deshalb über lange Zeit für die komplette Versorgung des Hauses.
Beide Wärmepumpen brauchen Strom. Bei einem Stromausfall bleibt die Fernwärme. Ob die Wärmepumpen zusätzlich am Notstrom hängen, geht aus den öffentlichen Unterlagen nicht hervor, empfehlenswert wäre es.
Warum das für Krankenhäuser wichtig ist
Krankenhäuser gehören zur kritischen Infrastruktur. Als im Winter 2022/23 die Gasversorgung unsicher wurde, haben das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Krankenhaus-Einsatzplanung eine Handlungsempfehlung für Krankenhäuser veröffentlicht [3]. Sie zeigt, wie knapp die Lage damals war: Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft nutzten 2022 rund 92 Prozent der deutschen Krankenhäuser Erdgas zur Wärmeerzeugung, und der weitaus größte Teil ihrer Heizwärme wurde genau hieraus gedeckt. Fällt die Heizung im Winter aus, kühlt ein Krankenhaus aus. Für diesen Fall nennt die Empfehlung Notmaßnahmen: Nur Teilbereiche heizen, zum Beispiel OP und Intensivstation, Patienten in Mehrbettzimmern zusammenlegen, warme Decken bevorraten, im Zweifel Patienten verlegen. Als langfristige Vorsorge empfiehlt sie, eine redundante und gasunabhängige Wärmeversorgung aufzubauen. In Memmingen ist genau das geschehen.
Meine Einschätzung
Am Hermann-Rietschel-Institut der TU Berlin beschäftigen wir uns mit der Luft- und Energieversorgung von Kliniken, Laboren und Reinräumen. Dabei fällt auf: Energiekonzepte werden meist nach Effizienz und CO₂ bewertet. Das ist richtig und wichtig. Ein drittes Maß darf nicht fehlen. Es lautet: Was passiert, wenn eine Quelle ausfällt? Memmingen zeigt, dass Energiewende und Robustheit zusammenpassen. Eine Wärmepumpe im Grundwasser, eine im Abwasser, dazu Fernwärme. Das sind drei Wege, die unabhängig voneinander funktionieren.
Eine wichtige Planungsgrundlage dabei ist, wie lange das Haus an einem kalten Wintertag mit jeder Quelle allein auskommt.
Was folgt daraus?
Förderprogramme für den Krankenhausbau bewerten Energiekonzepte heute vor allem nach Effizienz und Emissionen. Eine Ergänzung wäre, die Versorgungssicherheit mit zu betrachten. Eine einfache Frage dabei reicht: Kommt die Energie aus mindestens zwei unabhängigen Quellen? Memmingen liefert hier eine Blaupause.
Quellen
- Klinikum Memmingen: Meilenstein bei Jahrhundertprojekt, Pressemitteilung vom 14. Oktober 2026.
- Klinikum Memmingen: Projektseite Neubau, Abschnitt Nachhaltigkeit.
- Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (Hrsg.): Krisenvorsorge im Krankenhaus: Gesundheitsversorgung trotz Gasmangel und Stromausfall. Empfehlungen für die Praxis, Bonn, Stand März 2023, S. 17 bis 19 (Anteil Erdgas: S. 17, Checkliste Heizung: S. 18, Patientenmanagement: S. 19).